Jaguar - typisch britischer Mythos

Ein Jaguar war und ist immer etwas Besonderes. Von vielen geliebt, von wenigen gekauft und gefahren. Ein emotionales Fahrzeug - ein Jaguar wird entweder geliebt oder gehasst. Zwischen diesen beiden extremen Gefühlen gibt es bei diesem Auto keinen Platz. Ein Jaguar ist immer ein Fahrzeug der Extreme.
Jaguar XF
Jaguar

Mit der Zugehörigkeit von Jaguar und Landrover zum amerikanischen Konzern Ford war Jaguar wenig glück beschieden. Seit dem Frühjahr 2008 sind Jaguar und Landrover nun im Eigentum eines Konzerns aus einstigen britischen Kolonie Indien. Knapp zwei Milliarden Euro gaben die Inder für die Traditionsmarken aus der westlichen Welt aus. Zur Tata Sons Limited gehören ca. 100 Unternehmen. Eines davon  ist Tata Motors. Unter diesem Schirm agiert Jaguar und scheint dabei durchaus eine eigene Linie verfolgen zu können. denn auch heute noch macht Jaguar keine Kompromisse.

Angefangen hat das Unternehmen im Jahr 1922 mit dem Bau von Motorrad-Seitenwagen. Firmengründer William Lyons war begeisterter Motorradfahrer und Qualitätsfanatiker: Seine Beiwagen vom Typ "Swallow" (Schwalbe) sollten die besten der Welt sein. Mitte der 20-er Jahre schien die Zeit für Motorräder mit Seitenwagen (wie später noch einmal in den 50-ern) bereits wieder zu Ende zu sein.

Immer mehr preiswerte Kleinwagen drängten auf den Markt. William Lyons handelte schnell: Die ersten Swallow-Autos waren verfeinerte und verbesserte Austin Seven. Diese verschönerten Alltagsautos fanden reißenden Absatz. William Lyons wollte aber mehr. 12 PS und eine Höchstgeschwindigkeit von 60 Kilometern pro Stunde reichten ihm nicht. Die Standard-Swallows (SS) von 1935 erhielten erstmals Sechszylinder-Motoren. Im gleichen Jahr tauchte auch erstmals die Bezeichnung "Jaguar" auf. Die Schwalbe verschwand, das südamerikanische Raubtier "Made in England" startete eine beispiellose Karriere.

Legendär ist das Modell SS 100, von dem in fünf Jahren lediglich etwa 300 Exemplare hergestellt wurden. Die "100" stand übrigens für die erreichbare Höchstgeschwindigkeit von 100 Meilen, entsprechend 160 Stundenkilometern. Das Modell war so beliebt und begehrt, dass es heute noch mit moderner Jaguar-Technik nachgebaut wird. Wenig bekannt ist, dass Jaguar im Zweiten Weltkrieg für kurze Zeit Geländewagen baute und hierbei - wie 50 Jahre später noch einmal - mit Ford zusammenarbeitete. Die Domäne von Jaguar blieben jedoch sportliche Luxuswagen.

Der bekannteste Nachkriegs-Jaguar ist wohl der E-Type, das Coupé - es gab ihn auch offen - mit der endlos langen Motorhaube, die ja schließlich auch Zwölfzylinder-Motoren aufnehmen musste. Viel schöner waren jedoch die Limousinen. Heute gelten die Modelle XK 140 und MK VII als die schönsten Autos der Welt - und sie werden es wohl auch ewig bleiben. Die 70-er und 80-er Jahre bedeuteten eine schwere Zeit für das englische Traditionsunternehmen. Die gesamte britische Fahrzeugindustrie geriet ins Trudeln, die Motorradindustrie auf der Insel ging sogar komplett unter. Bei Jaguar kamen Qualitätsprobleme hinzu. Die bekannte Kompromisslosigkeit, aber auch eine gewisse Hochnäsigkeit und Arroganz von Seiten der Unternehmensführung sorgten dafür, dass das lange Zeit so blieb. Sollten doch andere zuverlässige und praktische Autos bauen! Mit erstaunlicher Hartnäckigkeit schaffte es Jaguar immer wieder, Weltmeister im Platz verschenken zu werden. In den fünf Meter langen Luxuslimousinen vom Schlag eines XJ 40 herrschte drangvolle Enge wie in einem heutigen koreanischen Kleinwagen, der Kofferraum nahm gerade einmal eine Golftasche auf. Wo der Platz geblieben war, darüber schwiegen sich die Konstrukteure aus.

Einem Jaguar wird zwar vieles verziehen, aber nicht alles. Es ging immer weiter bergab. Bis plötzlich alles ganz anders wurde. Jaguar wurde vom Autoriesen Ford geschluckt, und der hatte fortan das Sagen. Objektiv gesehen wurde alles besser, leidenschaftliche Jaguar-Fans bezweifeln das. Wo blieben jetzt die Eigenwilligkeit, der Snobismus, die Unabhängigkeit, die unerschütterliche Arroganz? Aus den schönen, schön unpraktischen und ganz schön unzuverlässigen Jaguar-Modellen wurden sozusagen über Nacht richtig gute Autos. Das beste Beispiel ist der vielfach beschimpfte X-Type, eigentlich ein Ford Mondeo, nur viel schöner. Ein praktisches und zuverlässiges Alltagsauto, und außerdem der erste Jaguar mit sparsamem Dieselmotor (Sir William Lyons würde sich im Grab umdrehen, ganz sicher aber mit Benziner-typischen Drehzahlen).

Ein paar Schrulligkeiten erlaubte sich Jaguar aber natürlich trotzdem noch: So verfügten beispielsweise die stärkeren Benziner-Versionen des X-Type grundsätzlich über Allradantrieb, obwohl es dafür keinen vernünftigen Grund gab. Und die Kombiversion schaffte es tatsächlich, weniger Kofferraumvolumen aufzuweisen als die Limousine. Der X-Type gilt trotzdem in allen Versionen als echter Geheimtipp unter den Gebrauchtwagen. Der S-Type war schon etwas weniger praktisch, erinnerte optisch an die Limousinen der 60-er Jahre und war auch mit einem sehr guten Peugeot-Dieselmotor zu haben. Die Coupés und Cabrios der XK-Reihe wurden behutsam modellgepflegt und mit den Jahren immer besser. Die große XJ-Reihe bot erstmals richtig viel Platz und eine geniale Aluminiumkarosserie, die Gewicht und Benzinverbrauch drastisch senkte.

Und heute? Was bietet uns das Unternehmen, das einst mit Seitenwagen für Motorräder begonnen hat und immer für das Besondere stand? Eine Automarke wie jede andere? Nein, die Kompromisslosigkeit ist immer noch das Markenzeichen von Jaguar. Im Jahr 2009 wendet sich Jaguar radikal von der bisherigen Linie ab. Die Traditionalisten schreien wieder einmal auf. Der Typ XF (als Sechszylinder-Diesel ab 46900 Euro, als 510 PS-starker Benziner 90500 Euro) macht alles ganz anders. Nüchtern, fast unterkühlt, optisch kaum noch als Jaguar zu erkennen und doch wieder ganz eigenständig, kompromisslos und damit doch wieder ein typischer Jaguar. Nach dem ersten großen Schreck akzeptieren die Kunden den XF. Er verkauft sich blendend. Jaguar hat jetzt den großen XJ mit der gleichen, radikal geänderten Designlinie nachgeschoben. Coupé und Cabrio vom Typ XK laufen nach wie vor gut, erfüllen die Abgasnorm Euro 5 und sind überhaupt wie alle anderen aktuellen Jaguar-Modelle durchaus vernünftige Autos.

Vernunft und Jaguar - geht das überhaupt zusammen? Es scheint tatsächlich zu funktionieren, weil bei einem Jaguar, auch wenn er noch so vernünftig ist, bis heute immer die Leidenschaft und die Kompromisslosigkeit mitspielen.

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