Zu viel oder zu wenig Ego?
Persönlich glaube ich nicht, dass die Gesellschaft - und ich spreche hier von der Bundesdeutschen - an zu viel Ego krankt. Im Gegenteil: Ich sehe die Würdigung des Ego als notwendige Voraussetzung für eine Gesellschaft die Nächstenliebe empfindet.
Ich bin mir bewusst, dass bereits meine erste Aussage sehr verallgemeinert ist. Ja, das Ego, das Verfolgen der eigenen Ziele und damit der Egoismus sind bei einzelnen Individuen stark ausgeprägt. So stark, dass es - teilweise abhängig von der gesellschaftlichen Verankerung des Individuums - vordergründig auch einen negativen Einfluss auf die Gemeinschaft hat.
Aber ich will dies einmal genauer betrachten:
Der Begriff Egoismus ist seit jeher negativ besetzt. Eine egoistisch handelnde Person rechnet mit zweierlei Maß und nimmt sich Freiheiten, die anderen nicht zugestanden werden. Interessanterweise bin ich bereits bei der Nachforschung zum Begriff Egoismus auf den Ansatz gestoßen, der mich eigentlich bereits bewegt hat:"Umgekehrt existiert die Auffassung, dass Altruismus erst durch das Erlangen des eigenen Wohls möglich ist, etwa analog zu der Regel, die bei Rettungseinsätzen gilt, dass der Eigenschutz die erste Maßnahme der Ersten Hilfe ist, oder wie bei dem bekannten Bibelzitat: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mk 12, 31 EU) Die negative Sicht auf den Egoismus als Egomanie steht im Kontrast zu einer positiven Wertung eines "gesunden" Egoismus, die im Ethischen Egoismus philosophisch ausgearbeitet ist."(1)
Nicht zuletzt mein Egoismus zwingt mich also dazu, doch auch an andere zu denken. Ein kleines (vieleicht durch seine Komplexität angreifbares) Beispiel:
Zehn Prozent der Bundesbürger, die den höchsten Verdienst haben, erbringen die Hälfte der Einkommensteuer-Einnahmen (2), fünfzig Prozent der Bevölkerung tragen 94 % der Steuerlast. Auch wenn Top-Verdiener einen überproportionalen Anteil vom Gesamteinkommen erhalten (3), muss die Abgabe dem egoistisch handelnden Menschen ein Dorn im Auge sein.
Zur Optimierung seines Gewinnes (nach Steuer verbleibenden Einkommens) muss er sich also überlegen, wie er seine Kosten (Steuern) minimieren kann. Neben den hier nicht zu diskutierenden Möglichkeiten (Abwanderung ins Ausland, Steuerhinterziehung, Ausnutzen aller möglichen "Schlupflöcher") kommt er wohl sehr bald an den Punkt, dass es sinnvoll wäre, dem verbleibenden Anteil der Steuerbürger die nicht so hohe Abgaben zu leiten haben, ebenfalls mit ein zu beziehen. Die Hebel dazu sind, dass er in Maßnahmen investiert, die das Einkommensniveau der Gemeinschaft (und in diesem Fall muss der Egoist die Gemeinschaft als solche anerkennen, denn alle sitzen mit ihm in einem Boot das zum Beispiel durch das Thema Steuer reglementiert wird) erhöht. Der Egoist wird sich also zum Beispiel in Bildungsprojekten engagieren oder diese finanzieren, denn er sieht hier für sich und seine Nachkommen einen deutlichen Vorteil. Man spricht hier von einem Reziproken Altruismus (4)
Weitere Beweise für die Abhängigkeit - oder gar Verträglichkeit - von Altruismus und Egoismus bietet die Maslowsche Bedürfnispyramide. Diese Theorie, von Abraham Maslow 1943 formuliert (und 1970 von ihm noch durch die Spitze "Transzendenz" erweitert), ist heute weitestgehend anerkannt.
Nachdem Physiologische Bedürfnisse (Körperliche Existenzbedürfnisse) und das Sicherheitsbedürfnis (Recht und Ordnung, Schutz vor Gefahren, festes Einkommen, Absicherung, Unterkunft), vieleicht sogar Soziale Bedürfnisse (Partnerschaft, Liebe, Kommunikation) in vielen Fällen erfüllt sind (aber weiterhin dauerhaft gesichert werden müssen), folgt das Bedürfnis nach Individualität.
Wertschätzung und Status, Respekt, Anerkennung aber auch Wohlstand, Geld, Einfluss so wie mentale und körperliche Stärke werden angestrebt. Aber klingt das nicht schon sehr nach Egoismus? Zumindest ist hier das "Ego" der maßgebliche Faktor (im Übrigen geht es beim Portal EGOTrends um das Ego und nicht etwa um Egoismus wie es häufig interpretiert wird).
Die Würdigung des Ego ist also menschlich und gesund. Gesund deshalb, weil eine Missachtung der Individualbedürfnisse eine Einschränkung darstellen würde und sogar seelische Schäden hervorrufen könnte.Folgt man Maslow, so ist die Befriedigung von Indivdualbedürfnissen die Vorstufe zur Selbsverwirklichung und in der späteren Erweiterung der Transzendenz, also der Suche nach Gott bzw. einer das individuelle Selbst überschreitenden Dimension.
Der Begriff des Psychologischen Egoismus unterstellt, dass alles Streben eines Menschen zumindest unbewusst darauf zielt, sein Glück und Wohlbefinden zu erhalten und zu steigern so wie seine eigenen Wünsche, Interessen und Ziele zu verwirklichen. Dies wiederum ist eine Analogie zur Maslowschen Bedürfnishierarchie.
Menschen die ihr Ego nicht vernachlässigt haben und nach Befriedigung ihrer Individualvidualbedürfnisse streben, diese vieleicht sogar teilweise oder ganz befriedigt haben, dies sind Menschen die auch nach Höherem streben werden. Es sind Menschen die etwas bewegen wollen und können. Ihnen stehen die Kraft und vieleicht auch die Mittel zur Verfügung positives zu bewirken. Und vor allem: Sie haben ein eigenes Interesse dies zu tun.
Deshalb kann ich die Aussage "Wir haben doch schon genug Ego in der Gesellschaft" nur beantworten mit "Wir haben zu wenig Ego in der Gesellschaft"... aber da sind wir schon wieder bei den Plattitüden.
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